Zwei Tage Tegernsee. Was echte Erholung wirklich bedeutet – und warum wir sie trotzdem selten zulassen.
Es war ein Samstag. Ich saß am Tegernsee und schaute auf das Wasser. Keine Nachrichten. Kein Alltag. Kein gewohntes Umfeld. Einfach da sein.
Die Woche davor war voll. Stundenrekorde gebrochen. Verschiedene Baustellen – beruflich, gesundheitlich. Und in den Gesprächen mit meinen Kunden immer wieder dasselbe Thema: Stress. Erschöpfung. Das Gefühl, nicht mehr runterzukommen.
Das ist kein individuelles Problem. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
61 % der Beschäftigten in Deutschland sehen sich gefährdet, an Überlastung zu erkranken
+56 % mehr Fehltage durch psychische Erkrankungen in zehn Jahren
Deutschlands Stresslevel im europäischen Vergleich – dauerhaft im vorderen Drittel
Quelle: Pronova BKK – „Arbeiten zwischen Burn-out und Bore-out", Februar 2024
Wir wissen das. Und trotzdem machen wir weiter. Warum eigentlich?
Ich beobachte das bei meinen Kunden und bei mir selbst immer wieder: Das Problem ist nicht der fehlende Wille zur Erholung. Die meisten Menschen wollen Abstand. Sie buchen Urlaub. Sie planen freie Wochenenden. Sie versprechen sich selbst: „Nächste Woche mache ich mal weniger."
Aber dann sitzt du im Zug in Richtung Süden – und tippst noch schnell eine Antwort auf die Mail, die eigentlich warten könnte. Du liegst abends im Bett, der Körper ist erschöpft, aber der Kopf dreht weiter. Noch eine Entscheidung durchdenken. Noch eine Situation rekonstruieren. Noch mal überlegen, ob du das richtig gemacht hast.
Das liegt nicht an mangelnder Disziplin. Es liegt daran, dass viele von uns gelernt haben, ihren Wert über Leistung zu definieren. Stille fühlt sich deshalb nicht nach Erholung an – sie fühlt sich nach Verlust an. Nach Kontrollverlust. Nach dem Gefühl, den Anschluss zu verlieren.
Solange das nicht bewusst wird, hilft kein Urlaub der Welt. Du verlässt den Alltag – aber deine Gedanken bleiben dort.
Wirklich weg sein – was das bedeutet
Als ich Montag nach Hause kam, erfuhr ich, dass Donald Trump ein zweites Attentat erlebt hatte. Ich hatte es nicht mitbekommen. Nicht weil ich die Augen verschlossen hatte – sondern weil ich zwei Tage wirklich weg war.
Kaum das Handy in der Hand. Kein Nachrichtenscroll. Kein Hintergrundlärm. 600 km Fahrt mit Podcast und Pausen. Pizza abends mit einem Freund. Morgens gefrühstückt, den Golfern zugeschaut mit Blick in die Berge – kein Windrad, keine Ablenkung durch Straßenverkehr. Dann zum See. Drachenflieger in der Luft, Gedanken loslassen. Einfach sein.
Kein großes Programm. Kein Retreat. Keine App, die mir Atemübungen schickt. Nur: Schwelle. Ein echter Bruch mit dem Gewohnten. Und die Bereitschaft, wirklich anzukommen – auch wenn es zunächst ungewohnt still ist.
"Zwei Tage Tegernsee haben mir mehr gegeben als mancher zweiwöchige Urlaub. Nicht weil es ein besonderer Ort ist, sondern weil ich wirklich da war."
In dieser Stille ist mir etwas sehr Klares bewusst geworden. Nicht als neue Erkenntnis – sondern als etwas, das ich schon wusste, aber selten wirklich gespürt hatte.
Regeneration ist keine Belohnung. Sie ist die Voraussetzung. Nicht für Produktivität. Sondern für Klarheit. Für Entscheidungen, die wirklich aus dir kommen. Für das Gefühl, wieder bei dir zu sein.
Wenn ich mit erschöpften Führungskräften arbeite, geht es auf den ersten Blick oft um Prioritäten, Strukturen, Kommunikation. Aber darunter liegt fast immer dasselbe: Sie haben verlernt, auf sich selbst zu hören. Der innere Kompass dreht sich, aber sie nehmen sich keine Zeit, ihn abzulesen. Und dann wundern sie sich, warum Entscheidungen sich falsch anfühlen – obwohl sie objektiv richtig sind.
Klarheit entsteht nicht im Trubel. Sie entsteht in der Pause danach.
Was du konkret tun kannst – noch diese Woche
Du musst nicht an den Tegernsee fahren. Du brauchst kein verlängertes Wochenende. Was du brauchst, ist einen echten Schnitt – auch wenn er nur ein paar Stunden dauert.
Konkret heißt das: Leg das Handy weg, solange du isst. Fahr eine Strecke ohne Podcast. Sitz irgendwo draußen, ohne etwas „erledigen" zu müssen. Triff einen Freund, ohne dabei über Arbeit zu reden. Klingt simpel. Ist es auch. Und genau deshalb machen wir es nicht.
Der erste Schritt ist nicht Erholung. Der erste Schritt ist die Entscheidung, dass du es dir erlaubst.
Wann hast du das letzte Mal wirklich Abstand genommen – nicht für eine Stunde zwischen zwei Terminen, sondern wirklich?
Wenn du keine Antwort findest: Vielleicht ist das selbst schon die Antwort.
Dir einen schönen Tag
Dominik
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